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Kinder- und Jugendarmut – Wir fordern: Teilhabe für alle!

Obwohl wir in einer reichen Gesellschaft leben, sind viele Menschen arm oder von Armut bedroht – insbesondere Kinder und Jugendliche. Armut geht mit Sorgen und Belastungen einher. Jugendliche fühlen sich häufiger abgehängt und haben weniger Vertrauen in ihre Zukunft.

Die Shell-Jugendstudie hat – allerdings nicht extra für NRW – herausgestellt, dass 67 % der „unteren Schicht“ nicht optimistisch auf die eigene Zukunft schauen. Für sie sind auch die Möglichkeiten, sich politisch einzubringen, häufig schwieriger. Auch die Gesundheit und der eigene Bildungsweg sind durch Armut betroffen und eingeschränkter.

Um jungen Menschen aus wirtschaftlich schwachen Verhältnissen Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen, hat der Deutsche Bundesjugendring 2015 Forderungen in der Positionierung „Ferien für alle!“ aufgegriffen.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus dem Sozialbericht des Landes NRW, der 2016 veröffentlicht wurde:

Quelle: Sozialbericht des Landes NRW 2016

Kinder und Jugendliche in Armut
Laut dem Sozialbericht des Landes NRW von 2016 leben Kinder und Jugendliche zu einem überdurchschnittlichen Anteil in Haushalten, die von relativer Einkommensarmut betroffen sind. Von relativer Einkommensarmut ist bedroht, wer weniger als das mittlere Einkommen verdient. [Weitere Erläuterungen: hier] 

Ein hohes Armutsrisiko haben Kinder in kinderreichen Familien und Kinder von Alleinerziehenden. Die Qualifikation der Eltern ist für das Armutsrisiko der Kinder wesentlich. Allerdings wird z.B. bei Menschen mit Migrationshintergrund das Armutsrisiko auch bei einer mittleren oder höheren Qualifikation nicht genauso gesenkt wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund, da ihre Arbeitsmarkt- und Verdienstchancen immer noch ungünstiger sind. Der Sozialbericht veröffentlich die 2014 erhobenen Daten.

Quelle: Sozialbericht des Landes NRW

Daten und Fakten aus dem Sozialbericht 2016 des Landes NRW
Die Armutsrisikoquote von Minderjährigen lag 2014 bei 21,9 % und damit deutlich höher als in der Bevölkerung insgesamt (16,2 %). Im Vergleich zum Jahr 2010 (19,9 %) ist die Armutsrisikoquote der Minderjährigen gestiegen. Je mehr minderjährige Kinder in einem Haushalt leben, desto höher ist das Armutsrisiko.
30,9 % der Minderjährigen, die in einer Paarfamilie mit drei oder mehr minderjährigen Kindern aufwuchsen, waren von relativer Einkommensarmut betroffen. Kinder und Jugendliche, die bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, sind zu  einem deutlich überdurchschnittlichen Anteil von relativer Einkommensarmut betroffen. Dies gilt auch dann, wenn kein weiteres minderjähriges Kind im Haushalt lebt.
Insgesamt war 2014 die Armutsrisikoquote der Kinder von Alleinerziehenden mit  43,3 % mehr als doppelt so hoch wie die von Minderjährigen, die in Paarfamilien aufwuchsen (17,4 %).
Kinder mit Migrationshintergrund waren 2014 zu mehr als einem Drittel (35,8 %) von relativer Einkommensarmut betroffen und damit wesentlich häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund (13,6 %). Kinder von geringqualifizierten Eltern waren 2014 zu 60,6 % von relativer Einkommensarmut betroffen. Die Armutsrisikoquote der Kinder von Eltern mit niedriger Qualifikation lag unabhängig vom Migrationsstatus auf diesem hohen Niveau. Das Armutsrisiko der Kinder und Jugendlichen hängt stark von der Erwerbsbeteiligung der Eltern ab.

Kinder und Jugendliche sind abhängig von Leistungen des Staates
19 % der unter 18-Jährigen in NRW leben in Bedarfsgemeinschaften (Familien), die Leistungen des Staates zur Mindestsicherung erhalten (ALG II) – in der Gesamtbevölkerung erhalten 11,3 % Leistungen zur Mindestsicherung. Dabei ist die regionale Verteilung unterschiedlich: In Gelsenkirchen waren Ende 2014 37,4 % der Kinder und Jugendlichen betroffen, im Kreis Coesfeld waren es 8,5 %.
In den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen, Essen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Herne, Mülheim an der Ruhr und Bochum, aber auch in Mönchengladbach, Wuppertal und Hagen, war mehr als jede_r vierte Minderjährige im Mindestsicherungsbezug. Demgegenüber stehen einige ländliche Regionen, in denen weniger als jede_r zehnte Minderjährige in einer Bedarfsgemeinschaft mit Bezug von Mindestsicherungsleistungen lebte. Dies traf auf Kreise im Münsterland (Coesfeld und Borken) sowie auf die Kreise Olpe und Höxter zu.

Junge Erwachsene in Armut  
Junge Erwachsene waren 2014 zu 23,1 % von relativer Einkommensarmut betroffen. Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund wiesen mit 31,9 % ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko auf.
Deutlich überdurchschnittlich war das Armutsrisiko mit 51,2 % bei den jungen Erwachsenen, die nicht mehr im Haushalt der Eltern lebten, sich aber noch im Bildungssystem befanden. Dabei handelte es sich zu 66,8 % um Studierende, zu 18,3 % um Auszubildende (inklusive Beamtenanwärter_innen, Volontäre, etc.) und zu 14,9 % um Schüler_innen. Bei den Studierenden handelt es sich häufig um eine vorübergehende Phase der Armut. Betrachtet man nur die jungen Erwachsenen, die sowohl das Bildungssystem als auch den elterlichen Haushalt bereits verlassen haben, zeigt sich, dass Geringqualifizierte besonders häufig und zu einem wachsenden Anteil von relativer Einkommensarmut betroffen sind. Ihr Armutsrisiko ist von 2010 bis 2014 um +4,6 Prozentpunkte auf 50,9 % gestiegen. Ende 2014 lebten in Nordrhein-Westfalen rund 329.000 junge Erwachsene in Bedarfsgemeinschaften mit Bezug von Mindestsicherungsleistungen. Die Mindestsicherungsquote der jungen Erwachsenen lag insgesamt bei 12,6 % und damit über der entsprechenden Quote in der Gesamtbevölkerung (11,3 %). Junge Frauen beziehen  mit einem Anteil von 13,1 % häufiger Mindestsicherungsleistungen als junge Männer (12,2 %).
Junge Erwachsene ohne deutsche Staatsangehörigkeit weisen eine deutlich überdurchschnittliche Mindestsicherungsquote auf, die zudem von 2011 auf 2014 vergleichsweise stark gestiegen ist.

Armut und Freizeit
Daten von Eurostat, die im September 2016 veröffentlicht wurden, haben gezeigt, dass 3,4 Millionen Kinder in Deutschland zu arm sind, um in den Urlaub fahren zu können. Die Bedeutung von Erholung und Freiräumen für Kinder und Jugendliche macht unter anderem der Deutsche Bundesjugendring in seiner Position „Ferien(-reisen) für alle!“ deutlich. Darin wird gefordert:

  • Alle Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sollen die Möglichkeit haben, mindestens einmal im Jahr an zwei Wochen verbandlichem Jugendreisen, wie es Jugendverbände, Musik- oder Sportvereine anbieten, teilzunehmen. Dazu sind bei Bedarf die Kostenbeiträge durch den öffentlichen Träger der Jugendhilfe entsprechend der Regelungen in § 90 (2) SGB VIII zu nutzen. Der DBJR fordert im Rahmen der geplanten Novelle des SGB VIII § 90 (2) SGB VIII verbindlicher zu gestalten, indem im Satz 1 „kann“ durch „ist“ ersetzt wird und der 2. Punkt der Voraussetzungen gestrichen wird.
  • Die Jugendhilfehaushalte der Kommunen sind entsprechend auszustatten. Die Unterstützung der Familien durch Kommunen und Bezirke muss, unabhängig vom Wohn- oder Aufenthaltsort, für diesen Zweck gewährleistet sein. Es darf keine regionalen Unterschiede und damit keine Besser- oder Schlechterstellung geben!
  • Ebenso muss die Finanzierung von freien Trägern der Jugendarbeit, die Ferienfahrten anbieten, sichergestellt und ihre Strukturen gestärkt werden. Denn anders als kommerzielle Anbieter erfüllen freie Träger einen öffentlichen Bildungsauftrag. Wir fordern eine Ferienreiseförderung (sommerliche Einmalzahlung bzw. die Übernahme einer Sommerfreizeit zu 100 Prozent pro Kind/Jugendliche_r) zusätzlich zum bereits existierenden Teilhabepaket, das schon durch Teilnahme an Gruppenstunden, Sport und Musikvereine aufgebraucht ist. Auch Flüchtlingskinder sowie Jugendliche und Kinder mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus müssen in die Ferienreiseförderung eingeschlossen sein und berücksichtigt werden.
  • Gerade im Hinblick auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung und die steigende Zahl an schutzsuchenden geflüchteten Familien mit Kindern und Jugendlichen sowie unzählige unbegleitete minderjährige Geflüchtete, dürfen diese nicht außen vor gelassen werden. Diese in Deutschland Aufgenommenen versuchen hier anzukommen und ihre traumatischen Fluchterfahrungen zu verarbeiten. So muss auch für geflüchtete junge Menschen sowie Kinder und Jugendliche mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus der Rechtsanspruch auf Ferienreiseförderung gelten. Hierbei sind auch die Regelungen der Residenzpflicht entsprechend anzupassen, um Kindern und Jugendlichen unbürokratisch eine Teilnahme zu ermöglichen.

Inklusion und Teilhabe für junge Menschen mit Behinderungen
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen sind heute immer noch in vielen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt und haben geringe Teilhabechancen.

Wer zu der Gruppe der Menschen mit Behinderungen zu zählen ist, wird u.a. im Übereinkommen der Vereinten Nationen über Rechte von Menschen mit Behinderungen (kurz: UN Behindertenrechtskonvention) in Artikel 1 Satz 2 definiert: Dazu gehören „Menschen die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.“

Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gilt es, gruppenspezifische Exklusionsmechanismen zu erkennen, um ihnen mit gezielten Inklusionsmaßnahmen entgegenzuwirken. An dieser Stelle setzt die Arbeit der Jugendverbände in NRW an.

Das Recht auf Inklusion und Teilhabe bezieht sich auch auf die Schaffung von Zugängen zu Freizeitangeboten, Ehrenamt, Kultur, Sport, politischen Ämtern usw. Auch wenn die Trennung der Leistungssysteme des SGB VIII und des SGB XII Hürden für die Umsetzung dieses Auftrags mit sich bringt, so gestalten die Jugendverbände ihre Angebote seit vielen Jahren möglichst inklusiv. Auch modellhafte Projekte haben gezeigt, dass Inklusion im Bereich Freizeit und Ehrenamt umgesetzt werden kann, wenn entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen vorhanden sind.

Eine Verknüpfung der Leistungssyteme des SGB VIII und des SGB XII unter Beibehaltung ihrer Spezifika könnte eine Grundlage bieten, den vielen guten „Leuchtturmprojekten“ in der Jugendarbeit zu mehr Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit zu verhelfen und somit die Teilhabe aller jungen Menschen zu stärken.