Freiräume - zum Weiterlesen

Warum Freiräume?

Wissenschaftliche Perspektiven zur Lebenszufriedenheit junger Menschen und Folgerungen für Politik & Gesellschaft

Dass junge Menschen mehr Freiräume brauchen, finden nicht nur junge Menschen selbst: Auch Wissenschaftler_innen sowie Studien machen auf die Belastung junger Menschen und die Notwendigkeit von Freiräumen aufmerksam.

Lebenszufriedenheit sinkt

Nach der HBSC-Studie 2009/2010 sind über 80 Prozent der Jugendlichen mit ihrem Leben zufrieden, allerdings sinkt die Lebenszufriedenheit mit steigendem Alter. Das hängt mit den Entwicklungsaufgaben und dem ansteigenden schulischen Leistungsdruck zusammen. Darüber hinaus gibt es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern und den sozioökonomischen Bedingungen. Insgesamt bewerten 0,4 Prozent der Jugendlichen ihr Leben als das schlechteste denkbare Leben. Mit jeweils 1,7 Prozent bilden Mädchen mit niedrigem sozioökonomischem Status und Mädchen mit beidseitigem Migrationshintergrund hier den größten Anteil. Einigermaßen oder sehr stark schulisch belastet fühlt sich jede_r vierte Schüler_in. Jugendliche und junge Erwachsene müssen vielfältige folgenreiche Übergänge und Veränderungen in einer relativ kurzen Zeit bewältigen. So zeigen Erhebungen des Robert Koch-Instituts eine „starke Stressbelastung“ am häufigsten in der dort jüngsten Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen (12,9 Prozent).

 „Burn Out“ bei Kindern und Jugendlichen?

U.a. der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort stellt fest, dass Kinder und Jugendliche unter den Leistungsanforderungen immer mehr leiden und berichtet von vermehrten Erschöpfungsdepressionen („Burn Out“) auch schon im Grundschulalter bzw. im Übergang zur weiterführenden Schule. Depressive Symptome werden dabei ergänzt durch psychosomatische Beschwerden, bei Kindern Bauch- und Kopfschmerzen, bei Jugendlichen Rückenschmerzen und Konzentrationsprobleme. Die hohen Leistungsanforderungen kosten nicht nur Zeit, sie bringen auch Stress in die Familien. Auch der „UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Industrieländern 2013“ hat die Frage aufgeworfen, ob Kinder und Jugendliche „leistungsstark aber unglücklich“ sind angesichts der Diskrepanz zwischen kindlichem Wohlbefinden (Rang 6 von 29) und der Lebenszufriedenheit von Kindern in Deutschland (Rang 22 von 29). Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien zu 67 Prozent pessimistisch in die Zukunft schauen. So ist ihre Lebenszufriedenheit ebenfalls enorm von dem sie ausschließenden oder überfordernden Leistungsprinzip beeinflusst. Armut und drohende Armut setzen Kinder und Jugendliche enorm unter Druck. Die Qualität von Freizeit ist wesentlich vom Lebensstandard abhängig – eine gute Zeitpolitik kann nur auf den Füßen einer guten Sozialpolitik stehen.

Auswege

Aus Perspektive des Landesjugendrings NRW zeigen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Ausbreitung des Leistungsprinzips zu Lasten der Lebenszufriedenheit von Kindern und Jugendlichen geht. Sie fühlen sich zu häufig abgehängt, überfordert oder angestrengt, sie haben zu wenig Zeit für sich. Aus diesem Grund fordert das vom Landesjugendring NRW 2014 initiierte „Bündnis für Freiräume“ die „35-Stunden-Woche“ für Kinder und Jugendliche. Die Ganztagsschule kann zu einem junge Menschen und Familien entlastenden Faktor werden, wenn sie dazu beiträgt, dass Schule sich auf die Zeit, die Kinder und Jugendliche in der Schule verbringen, beschränkt und den unterschiedlichen Ressourcen, Talenten und Interessen junger Menschen gerecht wird. Zwei freie Nachmittage in der Woche, in denen junge Menschen selbst bestimmen können, ob sie im Internet surfen, sich mit Freundinnen und Freunden treffen oder Zeit mit ihren Eltern verbringen wollen, würde jungen Menschen Freiräume zur Entwicklung einer eigenständigen und stressresistenten Persönlichkeit bieten. Damit junge Menschen auch über den Tellerrand hinaus schauen und Jugendliche aus anderen Schulen kennenlernen können, fordert das „Bündnis für Freiräume“ darüber hinaus die Einführung eines verbindlichen gemeinsamen freien Nachmittags.

Freiräume gestalten und nachhaltig sichern

Für eine erholsame Freizeit brauchen junge Menschen Freiräume als Orte und Plätze im kommunalen Raum. In Städten wird der vormals öffentliche Raum kommerzialisiert und Sicherheits- und Sauberkeitsreglements drohen Jugendkultur zu verdrängen. Im ländlichen Raum entstehen sogenannte „Sozialraumlücken“ für junge Menschen, da die Dörfer selbst weniger Funktionen in ihrem Leben übernehmen.

Die Kommune muss grundsätzlich in der Stadtentwicklung und im Wohnungsbau die Bedürfnisse junger Menschen berücksichtigen. Sie werden in Planungsprozessen noch zu selten einbezogen. Kommunen müssen den öffentlichen Raum als Raum für Jugendliche erkennen und ihnen Gestaltungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten bieten. Die Bereitstellung von Sitzmöglichkeiten außerhalb kommerzieller Angebote, die Freigabe von Wänden für Graffiti und ausreichend Unterstände sind nur Beispiele für jugendgerechte Gestaltung. Denn Identität entsteht „im Dialog zwischen Mensch und Umgebung“. Der Ausschluss von Jugendkultur aus dem öffentlichen Raum ist daher weder im Sinne einer zukunftsorientierten Kommune, noch im Sinne junger Menschen. Droht bei der Nutzung von Raum die Kriminalisierung jugendlichen Verhaltens, entwickeln junge Menschen auch kaum Verantwortungsgefühl für diese Räume. Andersherum verhilft dem Soziologen Richard Sennet zufolge ein „Recht auf Stadt […] den Menschen zu dem Gefühl, sie hätten auch ein Recht auf andere Rechte.“

Aus Perspektive des Landesjugendrings NRW braucht es produktive, zielorientierte Prozesse zwischen Kommune und jungen Menschen, die sich an den Kriterien einmischender Jugendpolitik orientieren. Hierzu gibt es in der Kommunalpolitik viele gute Anknüpfungspunkte, z.B. die Kinder- und Jugendförderplanung und der Jugendhilfeausschuss. Einmischende Jugendpolitik kann jedoch nur wirksam werden, wenn sich Verwaltung und Politik bereichsübergreifend öffnen. Schließlich ist der Vorrang des Kindeswohles nach der durch die BRD ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention zu gewährleisten. Hier gibt es bereits erste vereinzelte Ansätze zur Umsetzung, die jedoch weiter gefördert und insbesondere angesichts von Haushaltssicherungskonzepten gestärkt werden müssen.

Kinder-, jugend- und familienfreundliche Gestaltung bringt dabei, je nach Perspektive, unterschiedliche Anforderungen mit sich. Die Kampagnen „Mehr Freiraum für Kinder“  und „Draußenkinder“ verdeutlichen notwendige Verbesserungen für jüngere Kinder. Um den unterschiedlichen Perspektiven gerecht zu werden, müssen sie als eigenständig anerkannt werden. Es ist wichtig hervorzuheben, dass Kinder und Jugendliche auch ihre eigenen Räume brauchen, die sie unabhängig von Eltern und Lehrer_innen gestalten können. Insbesondere wenn es in der elterlichen Wohnung keine Möglichkeit zum Rückzug gibt, sind Jugendräume wesentliche Schutzräume, in denen junge Menschen sich ausprobieren, ihren Geschmack entwickeln und Überzeugungen diskutieren können. Auch hier kann die Kommune, wenn sie die gesetzlich vorgeschriebene Kinder- und Jugendförderplanung ernsthaft und partizipativ umsetzt, wesentlich die Aufwachsensbedingungen junger Menschen verbessern.

Literatur:

Schulte-Markwort: Burn Out-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert, 2015.

Shell-Jugendstudie 2010.

Alexander Flohé, Reinhold Knopp: Umkämpfte Räume. Städtische Entwicklung, öffentliche Räume und die Perspektiven Jugendlicher, in: Betreten Erlaubt!, hg. u.a. von Ulrich Deinet, 2009, S. 37.

Richard Sennet: Etwas ist faul in der Stadt, in: Die alte Stadt, Heft 2, S. 127.

Weitere Ideen, Hintergrundinfos, Materialien und Möglichkeiten, sich für Freiräume einzusetzen, findet ihr auf der Internetseite www.buendnis-fuer-freiraeume.de.